Schutzhäuser für die Mädchen

Besuch aus der Partnerstadt Moshi: Organisation arbeitet auf allen Ebenen gegen Genitalverstümmelung

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 11.11.2014

Die achtjährige Naomi konnten Mitarbeiter der Organisation NAFGEM vor der Genitalverstümmelung bewahren, ein neunjähriges Massai-Mädchen kam erst zu ihnen, als der Eingriff schon geschehen war. Gestern berichteten zwei Hauptamtliche bei ihrem Besuch in Tübingen von ihrer Arbeit in der Partnerstadt Moshi.

CHRISTIANE HOYER

Tübingen. Für den tansanischen Arzt Francis Romani Selasini ist es die erste Deutschlandreise, seine Kollegin Honorata Raymond Nasuwa ist bereits zum dritten Mal hier unterwegs, um die Geldgeber über ihre Arbeit in Tansania zu informieren. Die Organisation NAFGEM (Network Against Female Genital Mutilation) hat ihren Hauptsitz in Tübingens neuer Partnerstadt Moshi. Tübinger Bürger wie Cornelia Stoll, die soeben von ihrer selbst organisierten Reise aus Moshi zurückgekehrt sind, haben dort erstmals erfahren, wie stark die Beschneidung von jungen Mädchen noch im Traditionsbewusstsein ethnischer Gruppen wieder Massai verankert ist–trotz gesetzlichen Beschneidungsverbots. Vor allem in den nordöstlichen Regionen Kilimandscharo und Manyara ist die gewaltsame Genital Verstümmelung der Mädchen und ihre Zwangsverheiratung immer noch üblicher Brauch. In Manyara, so Selasini, waren 81 Prozent der Frauen betroffen, jetzt sind es noch 70,8 Prozent. Ein großer Erfolg ist für NAFGEM, dass die Mitarbeiter mit ihrer Aufklärungsarbeit innerhalb der vergangenen elf Jahre die Zahl der Mädchen und Frauen, die beschnitten werden, um rund 21,7 Prozent verringern konnte. Wenn Francis Selasini sein Anschauungsmaterial auspackt, wird es um ihn herum still. Sein Plastik Modell zeigt die drei Grade der Genitalverstümmelung  – vom Herausschneidender Klitoris bis zum zusätzlichen Entfernen der Schamlippen und dem Zunähen bis auf eine kleine Öffnung mit gesundheitlich schlimmen Folgen, wie sie auch Waris Dirie aus Somalia in ihrem Buch „Wüstenblume“ beschrieben hat. Selasini nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn er den männlichen NAFGEM-Mitarbeitern, die in den Dörfern beraten und aufklären, oder den Dorf-Chefs klar macht: „Die Beschneidung bei den Mädchen ist so, als ob du den Jungen den Penis abschneidest“. In Afrika, sagt die Verwaltungsfachkraft Honorata Nasuwa, „haben Männer das Sagen.“Und wer Kontakt zu den Frauen sucht, muss die Dorfältesten davon überzeugen, dass die Beschneidung von Mädchen in jeder Hinsicht fatale Folgen hat.„Es geht darum, das Bewusstsein zu verändern, auch beiden älteren Frauen“, sagt Nasuwa. So gelang es NAFGEM seit ihrer Gründung im Jahre 1998, die Kirchen für die Aufklärungsarbeit zu gewinnen, auch etliche Beschneiderinnen ließen sich zu Gesundheitsberaterinnen umschulen. Noch immer aber fliehen junge Mädchen vor der bevorstehenden Verstümmelung, versuchen bei Nacht eine der Schutzhäuser von NAFGEM zu erreichen–einem ersten Zufluchtsort, von wo aus die Mädchen dann mit Unterstützung von Regierung und Polizei in Internaten oder Waisenhäusern untergebracht werden. Die Kinder, berichtet Selasini, treffen sich nur unter Polizeischutz mit ihren Eltern. Sie bekommen andererseits aber auch Unterstützung bei ihrer schulischen Ausbildung. Das Mädchen Naomi zum Beispiel besucht jetzt in den Schulferien immer ihr Massai-Dorf und trägt dort ihrerseits zur Aufklärung bei. Ganzheitlich ist der Ansatz von NAFGEM auch, wenn es darum geht, die Frauen bei ihrem Weg in die Selbstständigkeit zu unterstützen. Die Kampagne „Four Windows“ ermöglicht Frauen, die sich der Beschneidung ihrer Kinder widersetzen und selbst verstümmelt wurden, mit eigenen Handarbeiten ein bescheidenes Einkommen, das sie dann in die Schulbildung ihrer Kinder investieren sollen. NAFGEM kümmert sich um den Verkauf, die Frauen bekommen 90 Prozent des Gewinns. In einem anderen Projekt produzieren die Frauen Seife aus Aloe Vera. Die Tübinger Grafikerin Ingrid Meyerhöfer unterstützt die Arbeit von NAFGEM bereits seit 2001. Sie reiste 2001 und 2003 nach Moshi und Kenia, um mit einer Plakat-Aktion für die Hilfs-und Beratungsmöglichkeiten zu werben. Finanzielle Unterstützung bekommt die Organisation aber vor allem aus Europa und Deutschland, darunter „Netzwerk Rafael“, von „Materra Stiftung Frau und Gesundheit“, Misereor und Zonta. Auf ihrer Tour durch Deutschland machen Selasini und Nasuwa in Freiburg, Köln, Aachen, Hannover, Hildesheim und Tübingen Station.

Info: Bei der Stadt Tübingen gibt es ein Spenden-Konto: Stadt Tübingen, Stichwort: Spende NAFGEM Moshi, Kontonummer 426, BLZ 641 500 20, Kreissparkasse Tübingen.

Die Organisation NAFGEM hat ihren Hauptsitz in Moshi

● NAFGEM (übersetzt: Netzwerk gegen weibliche Genitalverstümmelung) wurde 1998 gegründet und hat zehn Hauptamtliche sowie über 100 ehrenamtliche Mitarbeiter. Hauptsitz ist in Moshi.
● Haupteinsatz-Gebiete: Region Kilimanjaro und Manyara im Nordwesten Tansanias (Gebiet der Massai).
●Arbeit: Aufklärung in den Dörfern, Ausbildung von Beratern vor Ort. Ausbau von „Girl‘s Safe Shelter“, Zufluchtshäuser für Mädchen, die vor der Genitalverstümmelung fliehen. Ökonomische Projekte für Frauen: Kampagne „Four Windows“, Verkauf von Handarbeiten, Schmuck und Seife. In Tansania ist Beschneidung seit 1998 gesetzlich verboten.